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22. Februar 2012  |   

Mit dem Rollstuhl auf das Dach der Welt

Der Blick so kurz vor dem Ziel lässt nicht vermuten: Andreas Pröve ist am Ende. Der Rollstuhl fahrende Abenteurer aus der Lüneburger Heide schaut freundlich in die Kamera. Keine 500 Meter vor dem Felsen, an dem der Mekong auf gut 5000 Metern Höhe im tibetanischen Hochland entspringt, findet seine mehr als 5000 Kilometer lange Reise zu den Quellen des asiatischen Flusses den Abschluss. Sie dauerte sechs Monate. Mit witzigen wie bewegten Worten schließt der querschnittgelähmte 54-Jährige seinen Vortrag in der Turnhalle des Stiftungsklinikums.

Das bekommt das Publikum in der Livedokumentation zu sehen: Hier ist einer unterwegs, der sich trotz großer körperlicher Beeinträchtigung durchbeißt, um seinen Traum zu verwirklichen, den südostasiatischen Strom von der Mündung bis zur Quelle zu erkunden und vor allem Land und Menschen entlang der gut 4500 Kilometer langen Wasserader kennenzulernen. Die Vorbereitung ist bei dem erfahrenen Reisenden akribisch, auch wenn er in Begleitung seines Freundes, des Inders Nagender Chhikara, auf Tour ist. „Ich weiß, dass ich auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen bin, will aber nicht als Bittsteller auftreten“, erklärt Pröve, was leichter gesagt als getan ist. Aber Vorbuchen ist seine Sache nicht. Der Meister auf seinem Rolli macht immer wieder neue Erfahrungen in fernen Ländern. So im früheren Saigon, dem Startpunkt seiner Tour, wo der Verkehr in Hoh-Chi-Minh-Stadt lebensgefährlich ist. Die Leute sind ihm wichtig. Sitten und Gebräuche respektiert er, das Essen, ob frittierte Vogelspinnen oder Hundesuppe, er sagt nicht nein. Manch einer im Publikum ist froh, wenn er das Thema wechselt. Klare Standpunkte bezieht Pröve auch. Hahnenkämpfe in Vietnam sind zwar blutig: Er fragt aber, ob die Masthähnchen bei uns es nicht viel schlechter haben. „Die leben viel kürzer und mieser.“ In Kambodscha wagt der verheiratete Familienvater sogar einen Flug mit einem Piloten in einem kleinen Leichtpropellerflugzeug über die Tempelanlagen in Angkor Wat.

In Laos ist Pröve vier Wochen allein unterwegs, sein Freund Nagender muss sich Visa besorgen. So feilscht er dort mit Mr. Wang erfolgreich um den Tagessatz für Chauffeur und Jepp (statt 200 nur 50 Dollar) und stellt fest, das Chinesen für ihr Leben gerne essen. Auch die Enttäuschung, dass die angeheuerten Führer für die Expedition ins Gebirge im Bezirk Yushu nicht kommen, stoppt Pröve nicht. Er organisiert Ersatz, wagt eine Fahrt allein mit seinem Gefährt und Gepäck auf den holprigen Straßen zum Dach der Welt und übersteht heftigen Regen unter einer großen Plastikplane, am Rolli angekettet.

Nun geht es in unwegsames Gelände mit Schnee. Er will aufhören, die Träger machen ihm aber klar, sie verdienen mit der Tour Geld für ihre Familien. Sein Freund appelliert an Pröves Durchhaltewillen. Schließlich naht das Ziel, Pröve muss getragen werden, was ihm riesige Probleme bereitet. „Ich komme mir vor wie ein Kolonialeuropäer.“ Die Einheimischen kommen damit aber klar. Dann sind auch sie total erschöpft. Wie ein weiser Extrembergsteiger mahnt er zum Umkehren, zeigt wahre Größe – und das Publikum großen Respekt.

 

Quelle: Rhein-Zeitung vom 22.2.2012


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Jutta Weber 

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