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17. März 2011  |   

Wie sich Ärztemangel im Land anfühlt

Internisten der Klinik Nastätten dürfen nur Patienten aus Verbandsgemeinde behandeln – Honorarstreit eskaliert

Wie sich Ärztemangel anfühlt – Beate und Rüdiger Müller (Namen von der Redaktion geändert) wissen es. Wut und Enttäuschung mischen sich mit Unverständnis und Hilflosigkeit. „Man hat uns die freie Arztwahl verwehrt“, sagt Rüdiger Müller. Das Ehepaar aus Pohl im Rhein-Lahn-Kreis erlebt Ärztemangel in einem überversorgten Gebiet.

Die Geschichte der Müllers beginnt an Heiligabend 2010. Kein schöner Abend für die beiden. Denn die 56-jährige Beate Müller erleidet einen Herzinfarkt. Der Rettungswagen bringt sie in die 25 Kilometer entfernte Klinik in Bad Ems. Eine Fahrt ins nur 4 Kilometer entfernte Klinikum Nastätten wird ihnen verweigert. Man bietet ihnen sogar an, sie nach Wiesbaden oder Koblenz zu bringen. In Bad Ems retten die Ärzte Beate Müllers Leben, dort wird sie stationär behandelt. Als sie wieder nach Hause kommt, soll sie alle paar Wochen zur Nachkontrolle zu einem Kardiologen gehen. Das Ehepaar entscheidet sich für Dr. Ron Roy-Chowdhury – Internist in der Klinik Nastätten. „Nach einigen medizinischen Behandlungen und auch Eingriffen haben meine Frau und ich großes Vertrauen in die Ärzte der Klinik Nastätten aufgebaut und möchten natürlich auch weiterhin dort versorgt werden“, sagt Rüdiger Müller.

 

Schlechte Karten für das Ehepaar

Doch er hat die Rechnung ohne die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gemacht. Das Stiftungsklinikum Mittelrhein in Koblenz, zu dem das Krankenhaus in Nastätten gehört, schreibt an Rüdiger Müller: „Die KV hat für unseren Kardiologen Dr. Roy-Chowdhury die Leistungen insofern begrenzt, dass er nur Patienten mit Wohnort in der Verbandsgemeinde Nastätten ambulant versorgen kann.“ Schlechte Karten für Ehepaar Müller: Ihr Wohnort Pohl liegt zwar nur 4 Kilometer von Nastätten entfernt, aber in der Verbandsgemeinde Nassau. Die dortigen Kardiologen sind jedoch alle mehr als 20 Kilometer entfernt von Pohl. Eine lange, beschwerliche Fahrt angesichts schlechter Straßenverhältnisse im Rhein-Lahn-Kreis. Die Müllers sind verärgert: Weder die Kliniken noch die Ärzte in ihrer Verbandsgemeinde „entsprechen unseren Erwartungen an eine medizinische Untersuchung“. Rüdiger Müller sieht die freie Arztwahl durch die KV aufgehoben.

Die Ärztevertretung in Mainz will ihm nicht widersprechen: Es „besteht tatsächlich für gesetzlich Versicherte keine absolut freie Arztwahl“. Denn: „Die ambulante Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten durch Krankenhausärzte erlaubt der Gesetzgeber nur in Fällen, in denen in der jeweiligen Region eine Unterversorgung festgestellt ist und der Zulassungsausschuss eine entsprechende Zulassung des Krankenhausarztes ausgesprochen hat. Die KVen sind dafür nicht zuständig.“

Was die KV nicht sagt: Vier ihrer Vertreter sitzen neben ebenso vielen Entsandten der Krankenkassen in dem Zulassungsausschuss, der für den Rhein-Lahn-Kreis zuständig ist und die Ermächtigungen der Klinikärzte alle zwei Jahre überprüft. Und in diesem Gremium gab es zu Jahresbeginn viel Ärger, weil dem Klinikum Nastätten mehrere Ermächtigungen zur ambulanten Behandlung von Patienten gestrichen oder eingeschränkt werden sollten, berichtet Dr. Johann Paula, Geschäftsführer des Stiftungsklinikums Mittelrhein unserer Zeitung.

 

Härterer Verteilungskampf

Im Fall der beiden Internisten Roy-Chowdhury und Marius Grabowski legte das Klinikum Widerspruch beim Berufungsausschuss ein. Dabei berief sich Paula auf ein Urteil des Bundessozialgerichts. Demnach ist es Patienten nicht zuzumuten, weiter als 25 Kilometer zu einem Facharzt zu fahren. Den Müllers hätte dies wenig geholfen. Doch viele Patienten im Rhein-Lahn-Kreis haben eine weitere Anreise zu den niedergelassenen Internisten, die sich vor allem im Tal rund um Lahnstein, Bad Ems und Nassau ballen. Also kam es zu einem typischen Kompromiss: Anstatt jeden Fall einzeln zu beurteilen, dürfen sich Patienten künftig nur von niedergelassenen oder ermächtigten Klinikärzten in ihrer Verbandsgemeinde behandeln lassen – es sei denn, es handelt sich um Notfälle. All dies führt jetzt dazu, dass das Ehepaar Müller die Ärzte im Klinikum Nastätten nicht mehr aufsuchen darf – weil es in der falschen Verbandsgemeinde lebt, obwohl es aber nur 4 Kilometer von Nastätten entfernt wohnt.

Nicht nur das Ehepaar aus Pohl, auch Dr. Paula bringt das auf die Palme: „Wenn ich beginne, Honorarpolitik auf dem Rücken der Patienten zu betreiben, dann hört für mich das Verständnis auf.“ Angesichts eines immer härter werdenden Verteilungskampfes um Ärztehonorare drängten viele Mediziner die KV dazu, „in dem Bereich einzusparen, wo sie über Zulassungsausschüsse Einfluss nehmen kann. So will die KV die Pfründe der Vertragsärzte aufrechterhalten“, urteilt der Klinikchef. Dies werde auch damit gerechtfertigt, dass die Krankenhäuser ja staatlich subventioniert würden.

Letztendlich führe diese Konkurrenz zwischen niedergelassenen und Klinikärzten dazu, dass Patienten in einer ländlichen Region wie dem Rhein-Lahn-Kreis, in dem es noch ausreichend Fachärzte gebe, faktisch einen Ärztemangel zu spüren bekommen. Gefühlte Unterversorgung in einem überversorgten Gebiet. Aus Sicht von Klinikchef Dr. Paula wird es höchste Zeit, dass die Politik die Grenzen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung durchbricht. Damit Rheinland-Pfalz gewappnet ist für eine Zeit, wenn der Ärztemangel flächendeckend zu spüren ist. Beate Müllers Herz hat ihr jüngst wieder große Schmerzen bereitet. Im Klinikum Nastätten durfte man sie wieder nicht behandeln.

 

Quelle: Rhein-Zeitung, 17.3.2011 von Redakteur Christian Kunst


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Jutta Weber 

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