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5. März 2010  |   

Mit früher Vorsorge lässt sich Darmkrebs besiegen

In vielen Arztpraxen sind jetzt wieder Stars wie Markus Maria Profitlich, Atze Schneider oder Ingolf Lück zu Besuch. Auf Plakaten der Burda-Stiftung animieren sie Patienten zur Darmkrebsvorsorge. Doch viele Bürger meiden die Untersuchung - ob aus Scham, Angst oder Desinteresse. Nur fünf Prozent der Deutschen über 55 Jahren, für die die Darmspiegelung kostenlos ist, nutzen sie. Viel zu wenig, bemängeln Experten und weisen auf die großen Heilungschancen hin.

RHEINLAND-PFALZ. Die Zahlen sind verstörend: 71 000 Deutsche, 37 000 Männer und 36 000 Frauen erkranken jährlich an einem Tumor, der sich irgendwo in ihren Darm gefressen hat. In Rheinland-Pfalz erkranken fast 3000 Menschen pro Jahr an Darmkrebs. Das Bittere: Fast die Hälfte der Tumore hat, wenn ein Arzt sie diagnostiziert, bereits das Stadium T 3 erreicht. Die Folgen für die Patienten sind schmerzhaft - Chemotherapie, Bestrahlung und Operation. Viele sterben auch. Die Quote bei Männern beträgt 9,3, die bei Frauen sogar 14,7 Prozent. Hohe Quoten, wie das rheinland-pfälzische Krebsregister nüchtern feststellt.

Noch immer ist Darmkrebs die zweithäufigste Tumorerkrankung und Ursache für einen Krebstod. Dabei gilt das "kolorektale Karzinom", wie es im Fachchinesisch heißt, als "freundlicher Krebs". Anders als etwa Bauspeichel- oder Lungenkrebs ist Darmkrebs meist keine tödliche Diagnose, weiß Professor Samir Said, Chefarzt und Darmexperte am Stiftungsklinikum Mittelrhein in Koblenz. Nur in sechs bis acht Prozent der Fälle sei dieser Tumor inoperabel.

Doch früh erkannt, ist der Krebs meist zu 100 Prozent heilbar, weiß Said. Denn die Tumore entwickeln sich ganz langsam und streuen wenig. Laut Said kann es bis zu 20 Jahre dauern, ehe aus harmlosen Polypen, die sich in der Darmwand eingenistet haben, bösartige Tumore werden. Aber selbst diese durchlaufen noch einmal drei Entwicklungsstadien, bis sich Typ T 3 oder 4 bildet. Ehe die Ärzte dem bösartigen Tumor mit Operationen, Chemo- und Strahlentherapie zu Leibe rücken müssen, vergeht viel Zeit. Lebenswichtige Zeit, die Patienten für die Vorsorge nutzen sollten, rät Said. Denn: Darmkrebs lässt sich sehr gut erkennen, mit einer Darmspiegelung, die von der Kasse ab dem 55. Lebensjahr alle zehn Jahre bezahlt wird. Ab dem 50. Lebensjahr empfiehlt Said jährliche Stuhltests, die ebenfalls die Kasse zahlt. Wichtig zu wissen ist, dass die Kasse nach einer Spiegelung nicht mehr für die Stuhltests aufkommt. Wer nach dem 55. Lebensjahr nicht zur Kolloskopie geht, bekommt aber alle zwei Jahre Stuhltests bezahlt. Nachteil dieser Untersuchung auf Blutreste im Stuhl ist aber, dass sie nicht so verlässlich ist. Denn nicht jeder Tumor hinterlässt ständig Blutspuren. Außerdem kann die Blutung laut Said auch durch Hämorrhoiden verursacht werden. Deshalb ist dem Vize-Chef der rheinland-pfälzischen Krebsgesellschaft die Darmspiegelung besonders wichtig. Bei den Patienten gibt es aber weiterhin große Vorbehalte. Deutschlandweit liegt die Quote derer, die zur Vorsorge gehen, bei den über 55-Jährigen bei 5, in Rheinland-Pfalz laut einer Studie der Uniklinik Mainz im Jahr 2005 sogar nur bei 1,7 Prozent. Einen Spitzenwert erreichte nur Speyer (Männer: 9,7, Frauen: 7,9). Die Prognose der Experten: "Die jemals zu erwartende Akzeptanz in der Bevölkerung wird auf etwa 20 bis 30 Prozent geschätzt. Bei einer Teilnahme in dieser Größenordnung werden merkliche präventive Effekte erwartet." Aber: "Bei der derzeitigen geringen Teilnahme ist langfristig eine deutliche Auswirkung auf die Sterblichkeit fraglich."

Daran haben auch die bundesweiten Kampagnen gegen den Darmkrebs wenig geändert. Zwar sei die Zahl der Todesfälle in Rheinland-Pfalz durch den Darmkrebs von 31,2 pro 100 000 Einwohner auf 25,6 Fälle im Jahr 2005 gesunken. Dies führen die Mainzer Experten aber nicht auf die Vorsorge, sondern eher auf die "verbesserten Therapiekonzepte" zurück.

Und diese berücksichtigen mittlerweile immer stärker die Lebensqualität der Patienten. In vielen Fällen können gutartige Polypen und Karzinom-Vorläufer noch während der Darmspiegelung ohne große Operation abgetragen werden, berichtet Chefarzt Said. Dies sollte Patienten aus seiner Sicht ermutigen, zur Darmkrebsvorsorge zu gehen. Dennoch bleibt die Verunsicherung groß - auch weil immer wieder von den Risiken der Spiegelung die Rede ist. Völlig abwegig, meint Chirurg Said. Das Risiko, dass es bei der Darm-Kolloskopie zum Durchbruch kommt, liegt bei 0,07 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient stirbt, beziffern Studien sogar nur auf 0,074 Promille. Da ist die Wahrscheinlichkeit, an einem zu spät erkannten Darmkrebs zu sterben, weitaus größer.

Christian Kunst


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